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 Betreff des Beitrags: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Do 4. Feb 2010, 00:51 
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Christoph Spehr: Von Börsenmänteln, Rechenschiebern und Alternativen

Anläufe zur Organisation einer breiten linken Kraft gab und gibt es mehrere. Erfolg wird ein solcher Anlauf nur haben, wenn es dabei um mehr geht als die rechnerische Addition von Parlamentsmandaten.

Ein Börsenmantel ist eine Aktiengesellschaft, die ihr operatives Geschäft aufgegeben hat, aber nie formal aufgelöst wurde – sozusagen eine Zombie-Aktie ohne Wert. Sie billig zu erwerben, ist ein pro­bater Weg des Börsengangs: Man schlüpft einfach in den vorhandenen Mantel. Im Feld der linken De­batte ist der »Crossover«-Begriff ein solcher Börsenmantel. In den neunziger Jahren versuchten drei Zeitschriften, die linkssozialdemokratische SPW, die linksgrüne Andere Zeiten und die PDS-zugehörige Utopie kreativ unter dem Titel »Crossover« eine übergreifende Diskussion anzuzetteln, wie denn ein gemeinsames linkes Projekt aussehen könnte. Mit der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder war dieser Suchprozess beendet. Rot-Grün ordnete sich fest ein im neoliberalen Finanzmarkt-Kapitalismus und in der militarisierten Neuen Weltordnung.

Bekanntlich demontierte sich die SPD mit dieser Orientierung selbst und verlor nicht nur Scharen von Mitgliedern und Wählern, sondern auch den Ruf, überhaupt eine linke Partei zu sein. Die Grünen distanzierten sich von ihren linken Wurzeln und griffen in die bürgerliche Mitte aus. Mit der Linkspartei entstand eine neue gesamtdeutsche Kraft, die sich unter der strategischen Führung von Oskar Lafontaine darauf konzentrierte, das von der SPD aufgegebene Feld aufzurollen. Im Gesamtergebnis gibt es heute eine gesellschaftliche Mehrheit, die mit dem neoliberalen Turbo-Kapitalismus unzufrieden ist, aber keine Alternative dazu sieht. Am liebsten hätte man eine Kanzlerin Merkel, die den globalen Kapitalismus ein bisschen sozialdemokratisch abfedert und ein bisschen klimapolitisch flankiert. Mit dieser Situation kann die Linke nicht zufrieden sein.

Daher robben sich verschiedene Gruppen in jüngster Zeit an den Börsenmantel »Crossover« heran. Da ist zum einen die »Oslo-Gruppe«, die im Wesentlichen aus jüngeren Bundestagsabgeordneten besteht – von der SPD sind das Marco Bülow, Frank Schwabe und Angela Marquardt, von den Grünen Nicole Maisch und Anton Hofreiter, von der »Linken« Halina Wawzyniak, Stefan Liebich und Jan Korte. Diese preschten vor mit der ungewöhnlichen Form eines Prä-Papiers unter dem Titel »Das Leben ist bunter!«. Darin wird ein Papier angekündigt, das es noch nicht gibt, aus dem man aber schon mal einige Passagen zitiert. Schon im zweiten Satz wird klar, dass hier Politik mit dem Rechenschieber gemacht wird: Es geht um die »rechnerischen parlamentarischen Möglichkeiten«, sprich eine rot-rot-grüne Regierungskoalition. Sie ist das vorgegebene Ziel, dem man die Inhalte noch nachliefern will – Feminismus und Internationalismus gehören übrigens nicht dazu. Man hat aber auch schon einen Plan, wie man diese Inhalte, die man noch nicht hat, vermitteln will: Indem man durchs Land tourt, »Foren« organisiert und zivilgesellschaftliche Akteure »einbindet«. Das erinnert an die sozialdemokratische Trotzhaltung der letzten Jahre: Wenn das Volk un­sere Politik nicht will, dann müssen wir sie ihm nur besser erklären.

Einen ganz anderen Weg geht die Gruppe, die dieser Tage mit ihrem Gründungsaufruf »Solidarische Moderne« an die Öffentlichkeit geht. Bei der Gründungsversammlung am Sonntag waren etwa 60 Gründungsmitglieder dabei, die sich nicht auf den Kreis von Parteienvertretern oder gar Abgeordneten beschränken und deren politischer Denkrahmen über den Rechenschieber hinausgeht. Zu den SprecherInnen gehört zunächst Andrea Ypsilanti, eine der ganz wenigen strategischen Vordenkerinnen, die die SPD noch hat. In Hes­sen scheiterte sie knapp mit dem Versuch einer rot-rot-grünen Regierungsbildung; ihr lesens­wertes Papier von 2008 zur »Sozialen Moderne« (»Wohin zieht die neue Zeit?«) hat sowohl die Namensgebung der Gruppe als auch den Gründungs­aufruf maßgeblich beeinflusst. Katja Kipping, stellvertretende Vorsitzende von »Die Linke«, gab bereits 2006 mit dem Papier »Freiheit und Sozialismus« einen wichtigen Anstoß zur Verbindung von Sozialismus, Individualisierung und Feminismus. Thomas Seibert hat sich als Vordenker der postautonomen Linken einen Namen gemacht. Er gehört zu den Initiatoren der Interventionistischen Linken; mit Katja Kipping verbindet ihn unter anderem die Zusammenarbeit bei den Anti-G8-Demonstrationen in Heiligendamm 2007. Sven Giegold, lange Jahre inoffizieller Attac-Vorsitzender, ist jetzt EU-Abgeordneter für die Grünen; hinzu kommen Arvid Bell und Detlev von Larcher. Zum Gründungskreis gehören die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel ebenso wie Elmar Altvater, Birgit Mahnkopf, Hermann Scheer und Klaus Dörre.

Der Gründungsaufruf »Solidarische Moderne« hat leider die verbreitete Schwäche, alle inhaltlichen Ansätze in der Form von Fragesätzen zu ertränken. Das Profil wird dennoch deutlich, die Stichwörter »solidarische Ökonomie« und »fossilistische Ökonomie« sind ebenso vertreten wie globale soziale Rechte und die Umverteilung der Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern. Die zweite Schwäche liegt darin, dass die Brü­cke zur gewerkschaftlichen Strategiedebatte noch sehr dünn ist. Mit Hans Urban ist immerhin einer der wenigen prominenten Vertreter einer gewerkschaftlichen Zukunftsdebatte mit an Bord. Aber im ganzen Duktus des Papiers sind die Gewichte zwischen Zivilgesellschaft und Klassenfrage sehr eindeutig zu Lasten letztgenannter verteilt. Was in den Demonstrationen vom 28.März 2009 ansatzweise massenfähig wurde: Ein Bündnis zwischen Gewerkschaften, neuen sozialen Bewegungen und politischer Linke – mit allen enthaltenen Zumutungen und Chancen – taucht als Bezugspunkt nicht auf, ebenso wenig die Fragen der Durchsetzungsstrategie, ja der Kampfformen. Auch das wird einzubeziehen sein, wenn eine Alternative zum gegenwärtigen Kapitalismus formuliert werden soll.

Christoph Spehr ist Landessprecher der »Linken« in Bremen und Bundessprecher der Parteiströmung »Emanzipatorische Linke«.


Quelle: Jungle World 5/10


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Do 4. Feb 2010, 16:11 
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Christoph Spehr hat geschrieben:
Im Gesamtergebnis gibt es heute eine gesellschaftliche Mehrheit, die mit dem neoliberalen Turbo-Kapitalismus unzufrieden ist


Mehrheit?
Seit wann?
Genau ... seit die SPD wieder in der Opposition ist!

Mit diesem Projekt helfen LinksparteilerInnen, von dessen Partei Anna Durchschnittswählerin noch immer nicht weiss, was diese eigentlich will, mit, nun auch noch die SPD schön zu reden!

Schon vergessen, wer hier Hartz4 überhaupt eingeführt hat?
Für wie blöd sollen wir nun eigentlich verkauft werden?

Kurt Tucholsky: Über die Verräter


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Do 4. Feb 2010, 17:07 
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Margit hat geschrieben:

Schon vergessen, wer hier Hartz4 überhaupt eingeführt hat?

Und bitte nicht Die Grünen/Bündnis 90 vergessen. Die haben bekanntlich an der Agenda 2010 tatkräftig mitgestrickt.
Die neoliberale Zerschlagung des Sozialstaats in Deutschland ist zunächst mal ein Projekt von RosaOliv. Deshalb kam es übrigens zur Gründung der WASG. Aber das wird im Eroberungsrausch der parlamentarischen Bühnen und der sich daraus ergebenden politischen Machtkonstellationen bereits von vielen wieder verdrängt. Zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst. "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer." (Goya)


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Sa 6. Feb 2010, 14:43 
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Und die Zerschlagung des Sozialstaats wurde begleitet und unterstützt von einer Zerschlagung sozialistischer Lebens- und Gesellschaftsentwürfe. Dabei diente die ehemalige DDR als psychologischer Fixpunkt und Sündenbock, sodaß mit solchen Scheindebatten und Totschlagargumentationen wie "Stasi" und "Mauer" jedes linke Gedankengut diffamiert und aus den Köpfen vertrieben werden konnte. Diese Art von "Regieren" als eine Variante kollektiver Gehirnwäsche hat sehr anschaulich beschrieben Naomi Klein: Die Schockstrategie. Diese Strategie wird jetzt sehr konkret in Europa umgesetzt, indem auch die noch im Wege stehenden nationalen Souveränitäten mit ökonomischen Scheinbegründungen zerstört werden sollen. Griechenland ist das erste Opfer dieser Stufe dieser Strategie: unter der Fuchtel der EU soll das Land nun endlich auch sein Sozialsystem zerschlagen und die Löhne senken.


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: So 7. Feb 2010, 14:34 
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Rainer, ein Sozialismus, der eine solch gigantische Bespitzelungs- und Repressionsorganisation wie die Stasi oder eine Mauer braucht, damit ihm die Leute nicht weglaufen, hat sich doch selbst diskreditiert. Da brauchen andere gar nicht mehr nachhelfen.

Und wieso wurde durch die Kritik an Stasi und Mauer "linkes Gedankengut diffamiert"? Da kann sich doch nur jemand "diffamiert" fühlen, welcher diese in einem Zustand geistiger Verwirrung (wie etwa Christel Wegener) irgendwie mit "linkem Gedankengut" in Verbindung bringt. Sozialisten, welche Stasi und Mauer immer schon als schwere moralische Belastung für die von ihnen erstrebte politische Ordnung ansahen, werden hier keinerlei Probleme haben oder Brüche in ihrer Biographie bewältigen müssen. Und Sozialisten, welche den "Realsozialismus" hart und unbarmherzig als Verhöhnung ihrer politischen Vorstellungswelt kritisierten, hat es haufenweise gegeben. Das begann schon mit dem bedeutenden russischen Sozialisten Julius Martow, der einst zusammen mit seinem Freund Lenin die Zeitung "Iskra" herausgab, und der nach 1917 die "rechten" Methoden der bolschewistischen Machtsicherung anprangerte.

Und diese Sozialisten hatten ja recht! Denn die Mauer und das prinzipielle Ausreiseverbot aus der DDR (es sei denn mit gnädiger Erlaubnis der dort Herrschenden) erinnert fatal an die Schollenpflichtigkeit der leibeigenen Bauern im Feudalismus. Folglich praktizierte man dort "rechte" Praktiken, um den "Realsozialismus" zu verteidigen. Und auch die Stasi als Bespitzelungs- und Repressionsorganisation war in diesem Sinne "rechts". Warum sollten also Sozialisten nicht "rechte" Praktiken im Realsozialismus kritisieren? Ich verstehe gar nicht, wie man sich diesen "Schuh anziehen" kann, den einem die Herrschenden hinhalten. Da muss man ja wirklich politisch so blöd sein wie Christel Wegener. Und für die eigene Blödheit sollte man nicht andere verantwortlich machen.


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: So 7. Feb 2010, 17:07 
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Friedhelm, die nicht mehr existierende DDR wurde als Fixpunkt und Sündenbock BENÜTZT. Und wird noch heute benützt, siehe Fernsehen, siehe Christel Wegener, siehe Blätterwald. Das heißt doch in keiner Weise, daß ich hier die DDR wieder auferstehen lasse. Ich habe das Land oft genug bereist, um neben den Vorzügen auch die Mängel der ehemaligen DDR erlebt zu haben. Klar?


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Mo 8. Feb 2010, 19:01 
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Rainer, aber wenn man Dich hier so liest, dann spürt man Deine tiefe Trauer darüber, dass dieser autoritäre Spießersozialismus - nachdem er die eigentlich humane Vision einer Gesellschaft der Freien und Gleichen von oben bis unten ausgiebig bekleckert hat - sein verdientes Ende fand. "Lass doch die Toten ihre Toten begraben" (hier haben Christel Wegener und die Rest-DKP eine lohnende Aufgabe) und entwickle gegen die heutigen Zustände und in Abgrenzung zu den autoritären Missgeburten im Gefolge der Oktoberrevolution die Vision einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, die zwar nie 1:1 umsetzbar sein wird, die aber einen Richtpunkt für politisches Handeln abgeben sollte.


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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Di 9. Feb 2010, 12:42 
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Mein Bedauern darüber, daß der Versuch gescheitert ist, als Antwort auf die Gründung der kapitalistischen BRD ein sozialistisches Deutschland zunächst östlich der Elbe aufzubauen, wird von vielen Menschen geteilt, auch von ehemaligen Dissidenten. Viele von ihnen hatten bei ihren rebellischen Demonstrationen keineswegs den Beitritt zum kapitalistischen Westen als Ziel, sondern eine Reform des real existierenden Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik. Die starke Ablehnung der westdeutschen Lebens- und Wirtschaftsweise in der ostelbischen Kohlonie ist in vielen Umfragen der letzten Zeit belegt und begründet. Bis heute ist es dem kapitalistischen System ja auch nicht gelungen, eine wirkliche Vereinigung mit gleichen Lebensbedingungen im vereinten Deutschland herzustellen. Blühende Landschaften sehen anders aus. Eine gute Quelle zum Verständnis dieses Sachverhaltes liegt vor bei Daniela Dahn: Ohne Osten kein Westen. Zum Verständnis des "Untergangs" der DDR empfiehlt sich auch Joachim Mitdank: Die DDR zwischen Gründung, Aufstieg und Verkauf, Nora-Verlag, 2008. Da dies nicht der Pfad zur Vergangenheitsbetrachtung ist, möchte ich dazu raten, die DDR-Debatte jedenfalls hier nicht fortzusetzen.


Zuletzt geändert von Rainer Nathow am Mo 15. Feb 2010, 21:38, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: RotRosaOliv: Cross-Over-Projekte allenthalben 5
BeitragVerfasst: Mo 15. Feb 2010, 15:51 
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Die beiden von Christoph einander gegenübergestellten Mantel-Initiativen (die sich personell übrigens stark überschneiden) unterscheiden sich in den vom Autor genannten Bewegungsformen "Preschen" und "Robben".


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